Microsoft liefert seit Windows XP verschiedene Versionen seines Betriebssystems aus. Die Consumer Variante ist dabei meist um Features beschnitten, die es ohnehin nur in Enterprise Umgebungen benötigt. Mit Windows 10 S wird die Versionsvielfalt wieder um eine Facette breiter. Aber warum eigentlich Windows 10 S? Microsoft vermarktet es als „Windows für Schüler*innen“ doch wenn man etwas über den Tellerrand der PR Maschinerie blickt, werden eine Dinge offensichtlich und es erklärt sich auch, warum das neue Linux Subsystem nicht integriert ist. [1]

Warum plötzlich Linux und was ist die Cloud?

Aber zunächst mal etwas Geschichte: 2001 glänzte der früherer Microsoft CEO Steve Balmer mit der Aussage, dass Linux ein „Krebsgeschwür“ sei. Linux hat den Sprung in die Consumer Welt nie wirklich geschafft. Erst durch Android wurde seine Verbreitung unter Endusern deutlich höher, am heimischen Desktop fristet es aber immer noch ein nischendasein. Das Zitat stammt aus einer Zeit, in der Microsoft überwiegend Geld mit Lizenzen verdient hat. Von daher ist die kostenlose OpenSource Alternative zu Microsoft Server natürlich ein Dorn im Auge des Konzerns gewesen.

Die Zeiten haben sich aber gewandelt und es dreht sich alles um „die Cloud“. In PR-Sprech ist mittlerweile alles in der ominösen allgegenwertigen Cloud. Cloud-Computing heißt aber zunächst nichts anderes, als „mieten statt kaufen“. Anstatt mir ein Rechenzentrum anzuschaffen, miete ich die Ressourcen die ich brauche. Das macht aus mehreren Gründen Sinn: Der Vermieter (Rechenzentrumsbetreiber) kann eine wesentlich höhere Auslastung erzielen und der Mieter spart sich die Anschaffungskosten. Außerdem braucht er sich um Wartung, Betrieb und IT-Sicherheit nicht so viele Gedanken machen. War es in der Anfangszeit noch üblich Infrastruktur zu mieten (IaaS), gibt es mittlerweile Plattform- und Software as a Service (PaaS, SaaS). Der Grad an Management, das einem als Mieter abgenommen wird, steigt dadurch erheblich, bzw. für nicht IT-ler: IaaS: Ich miete einen LKW, PaaS: Ich miete einen Container, SaaS: Ich versende ein Paket.

Die großen Player in dem Geschäft sind Amazon (AWS) Google (App Engine) und Microsoft (Azure). Microsoft ist es dadurch gelungen einen wesentlichen Teil seiner Einnahmen nicht mehr aus Lizenzen, sondern aus dem Vermieten seiner Hardware zu generieren. Die Software die darauf läuft, ist quasi „Beiwerk“ und nicht mehr das, was den Gewinn einbringt. Daher ist es auch wenig verwunderlich, dass sich der Konzern in den vergangenen Jahren immer stärker der OpenSource Welt geöffnet hat. Wesentliche Teile der Microsoft Laufzeitumgebung .Net sind jetzt auch unter OSX und Linux verfügbar. Die Microsoft Programmiersprache C# ist damit nicht mehr etwas, das einen für immer an Windows bindet, sondern kann Plattformübergreifend eingesetzt werden. Mit Xamarin hat Microsoft auch eine Möglichkeit geschaffen (bzw. besser gesagt eingekauft) Apps mit C# zu entwickeln. Damit hat Microsoft sein Ökosystem auf alle Bereich ausgedehnt. Mit Visual Studio, der Entwicklungsumgebung von Microsoft, steht zusätzlich ein Tool bereit, dass all das vollständig integriert: Um ein neues App zu entwickeln und das passende Backend (Software die in der Cloud läuft und Daten speichert) reichen wenige Klicks in Visual Studio und eine Beispielanwendung ist auf dem Smartphone und das Backend – oh Wunder – läuft in Azure. Der komplizierteste Schritt dabei ist es die Kreditkartendaten einzugeben.

Aber nur, weil Microsoft Cloud-Dienste anbietet, wollen nicht plötzlich alle Microsoft Software nutzen. Linux ist hier das Maß der Dinge und daran kann auch Microsoft wenig ändern. Daher wurde die Microsoft Entwicklungswerkzeuge dahingeändert erweitert, dass sie es auch ermöglichen für Linux zu programmieren. Auch auf Azure können Linux Server gemietet werden. Die Entwicklungsumgebung ist aber wie auch Microsoft Office nicht für Linux erhältlich. Die Cash Cow kann Microsoft nicht einfach so schlachten. Daher war es bislang recht umständlich für Linux zu Entwicklung, da die Entwicklung unter Windows stattgefunden hat, man aber trotzdem auch noch ein Linux System benötigte. Für genau diese Zielgruppe hat Microsoft das Linux Subsystem geschaffen (kommt der Prophet nicht zum Berg muss der Berg eben zum Propheten kommen, Microsoft kann sich sowas leisten). Es ist eine Umgebung innerhalb von Windows, die Linux ausführen kann. Im Gegensatz zu einem virtuellen Computer, der den ganzen PC „nachbaut“ läuft Linux auf dem gleichen Systemkern wie Windows und ist damit eher als weitere Anwendung zu sehen. Es ist damit besser integriert und benötigt weniger Ressourcen.

Microsoft hat sich aber nur so weit geöffnet wie es strategisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. So kann die Laufzeitumgebung .Net zwar jetzt auch unter Linux benutzt werden, aber nicht in vollem Umfang. Alle Funktionen die Windows für Administratoren so interessant machen, weil es sich sehr einfach managen lässt, sind unter Linux nicht verfügbar. Microsoftprodukte integrieren zwar untereinander, aber nicht mit anderen Systemen. Die hervorragende Integrierbarkeit bzw. nicht-Integrierbarkeit mit Drittherstellern führt dazu, dass wenn man ein Microsoft Produkt hat, relativ schnell alles von Microsoft hat. Die Europäische Verwaltungen ist beispielsweise extrem abhängig von Microsoft: Michael Waidner, Direktor des Fraunhofer-Instituts für sichere Informationstechnik und einer der führenden europäischen Experten für Cybersicherheit, beklagte im Gespräch mit dem Rechercheteam den Verlust der „digitalen Souveränität“ Europas. [2]

Windows 10S und die Beweggründe es zu schaffen

Windows 10 S ist der Versuch sich stärker in Schulen zu integrieren. Bereits seit längerem können Office, Windows und weitere Lizenzen von Schüler*innen und Student*innen kostenlos bezogen werden. Schulungsaufwände bleiben den Unternehmen erspart, wenn alle Personen bereits auf Microsoft Produkte geschult sind, weil sie nie etwas Anderes benutz haben. Der Wille etwas Neues zu lernen ist aber auch entsprechend niedrig wie es die Einführung und Rückabwicklung von Linux in der Stadtverwaltung München zeigt [3]. Microsoft ist in diesem Bereich aber kein Einzelfall, auch andere Softwarehersteller bieten Lizenzen für Auszubildenden kostenlos an.

Microsoft ist der Meinung, dass Schüler*innen möglichst früh programmieren lernen sollen. Zu diesem Zweck hat Microsoft auch das Spiel Minecraft um eine Programmierschnittstelle ergänzt, sodass man das Spiel nicht nur mit der Maus, sondern auch mit einem Programm steuern kann. Microsoft versucht Windows 10S als Bildungsmaßnahme verkaufen [5], doch mehr als Minecraft und leichtere zentrale Administrierbarkeit für den Lehrer bietet das System nicht; Eher weniger. Auf dem System können nur Apps aus dem Microsoft App Store installiert werden. Software runterladen und installieren geht nicht. Microsoft begründet diesen Schritt mit der höheren Sicherheit des Systems (Apps laufen in einer eigenen abgesicherten Umgebung) und der leichteren Administrierbarkeit (die Rechte können Zentral für Apps verwaltet werden).

Alle Apps sind gleich, aber manche sind gleicher: Es gibt auch Apps die nicht unter Windows 10S laufen werden wie zum Beispiel das Linux Subsystem: „Diese Einschränkung begründet Turner damit, dass solche Apps dem primären Ziel widersprächen: Windows 10 S richte sich an ein nicht technikaffines Publikum. Es brauche anders als Entwickler keinen Zugriff auf auf die Windows-Innereien wie Dateisystem, Registry, Debugger oder Hardware. Deswegen seien in Windows 10 S auch andere Kommandozeilenzugänge wie Cmd und Powershell oder eben Instanzen des Windows Subsystems für Linux nicht zugänglich.“

Zusammengefasst kann man also folgendes festhalten: Microsoft möchte eine Bildungsoffensive starten und aus Schüler*innen Entwickler machen. Da diese aber kein technikaffines Publikum seien, brauchen sie nicht die gleichen Zugriffe wie „richtige“ Entwickler. Klingt ein bisschen danach wie wenn eine politische Partei meint, sie vertrete die Bürger*innen, setze sich für mehr Partizipation ein, lässt das Volk dann aber nur bei der Farbe der neuen U-Bahn mitbestimmen. Leider ist ziemlich genau das der Fall.

Nicht die Schüler*innen sondern Microsoft braucht Windows 10S. Die Motivation ist hierbei nicht Technik, sondern Business: Windows Lizenzen sind einfach zu teuer: Computer im Bereich um die 300-400€ werden nun mal erheblich teurere, wenn nochmal 50-100€ on Top für eine Windows Lizenz dazu kommen. Daher braucht Microsoft eine Möglichkeit Windows günstiger zu verkaufen, aber eben nur an die richtige Zielgruppe. Als Netbooks auf den Markt kamen hat Microsoft dies bereits einmal versucht: Es gab Limitierungen bei der Hardware die nicht überschritten werden durften. Dafür haben die Hersteller eine Kostenlose Lizenz bekommen. Das Ergebnis: Die Rechner waren echte Krücken und von niemanden ernsthaft zu benutzen.

Microsoft kann über den App Store auch kontrollieren welche Software installiert wird. Dass Microsoft hier gegensteuert, wenn zu viele Leute auf die kostenlose Alternative OpenOffice statt dem Microsoft Produkt setzen, ist eher eine Theorie aus dem Bereich der Aluhüte. Die Daten werden sie aber jedenfalls erheben, hier liegt auch das Ware (Daten-)Gold: Der Lehrer kann Lehrziele vorgeben, den Fortschritt sehen, Aufgaben automatisch an die Fähigkeiten der Schüler*innen anpassen lassen, etc. und Microsoft besitzt all diese Daten. „Im digitalen Schulzimmer fallen viele Daten an. Das können Lehrer und Experten wiederum nutzen, um Lehrmittel und Unterricht zu verbessern.“ [6]

Windwos 10S ist vermutlich auch eine Erziehungsmaßnahme: Ein erster Schritt die User daran zu gewöhnen, dass sie nicht mehr Herr/Frau über ihr System sind. Erst kürzlich hat Microsoft ein Patent zugesprochen bekommen, wie man Digital Rights Management im kleinen Kreis durchsetzen kann ohne Kunden zu verlieren. Konkret geht es darum: Ich lade eine Album in die Cloud hoch und teile es mit meinen Freunden. Soweit so gut. Wenn ich das Album jetzt aber mit sehr vielen „Freunden“ teile ist das nicht mehr Fair Use und eine Urheberrechtsverletzung. In diesem Fall wird mein Account aber nicht gesperrt, weil ich dann als Kunde verloren wäre. Ich kann das Album nach wie vor anhören, aber die Cloud verbietet mir, es mit Freunden zu teilen. Das Patent beschreibt weiter, dass ich nach wie vor in der Lage bin, das Album mit meinen eigenen Geräten zu hören, aber wiederum nicht an Dritte zu senden. Mit Windows 10S lässt sich das umsetzen, aber nur solange niemand Zugriff auf das System hat, auch nicht über Umwege wie das Linux Subsystem und echten Code schreiben könnte, der das DRM umgeht. [7]

 

 

 

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